Die kleine Anne in der großen Stadt

Der Titel ist Programm. Es würde sich wahrscheinlich jeder klein fühlen, der nach 4 1/2 Monaten absolutem Landleben in einer Stadt wie Boston aus dem Flugzeug steigt. So also auch ich, obwohl ich mich ja auch sonst eher nicht so groß fühle.

Ich stehe also in Boston am Flughafen und somit auch vor meiner ersten Herausforderung: Ich muss den Weg zum Haus meiner Freunde finden ohne verloren zu gehen. Das wäre nämlich eher ungünstig, da ich keinen Empfang habe. Ironie des Schicksals. Ich habe Netz im hintersten Winkel Michigans, aber sobald ich in die Stadt komme, stehe ich ohne da. Aber da mein Orientierungssinn ja besser ist als der eines orientierungslosen Ochsen, der keinen Orientierungssinn hat – und dank einer sehr ausführlichen Wegbeschreibung – meistere ich die Strecke ohne Probleme.

Während ich unterwegs bin, genieße ich die Atmosphäre. Es ist so ungewohnt, so viele Menschen zu sehen, von denen keiner etwas von John Deere oder Real Tree trägt. Und alle laufen. Okay, mit dem Auto wäre es in der U-Bahn auch etwas unpraktisch, aber es ist trotzdem komisch. Auch für mich. Ich habe mich so daran gewöhnt, überall mit dem Auto hinzufahren, dass diese Art der Fortbewegung sehr komisch ist. Trotzdem passe ich mich sofort dem Laufschritt aller anderen an – bis mir auffällt, dass ich es ja eigentlich gar nicht eilig habe.

Nach gut 30 Minuten komme ich bei meinen Freunden an. Wir reden ein bisschen über alles Mögliche, bevor beide wieder weiterarbeiten und ich erst mal auf dem Bett kollabiere. Zugegeben, die Reise war dezent anstrengend. Ich habe dreieinhalb Stunden geschlafen, weil ich um halb fünf zum Flughafen musste. Natürlich war es ökonomisch richtig, den frühen Flug zu nehmen, jetzt werde ich allerdings selbst Opfer meiner ökonomisch richtigen Entscheidung. Nach ein paar Minuten raffe ich mich allerdings auf – ich bin schließlich nicht zum Faulenzen hier.

Mit einer von meinen Freunden zusammengetragenen Liste in der Tasche mache ich mich auf in die Innenstadt. Dort laufe ich herum und mache Fotos, wie es sich für einen Touristen gehört. Boston Common, Public Garden, Copley Square, Public Library – das volle Programm.

Irgendwann tun meine Füße weh (wahrscheinlich bin ich das Laufen nicht mehr gewöhnt) und ich mache mich auf den Rückweg. Dort angekommen verlassen wir das Haus wieder, um einkaufen zu gehen. Wieder einmal realisiere ich, wie faul man (oder auf jeden Fall ich) in Michigan wird. Anstatt ein paar Schritte zum Auto, muss man hier die Einkaufstüten tatsächlich durch die halbe Stadt tragen. Nach all dieser körperlichen Betätigung gucken wir einen Film und essen Schokolade – das ist schon eher mein Geschmack.

Der nächste Morgen. Ich wache auf. Ich gucke auf die Uhr. Ich falle fast aus dem Bett. Anscheinend war ich wirklich müde, da ich über 12 Stunden geschlafen habe. Naja. Mein Ziel heute ist die Fanueil Hall, ein alter und neuer Marktplatz. Wirklich auch ein sehr schöner Marktplatz. Als ich mir danach noch einen Kaffee kaufen will, meint der Barista, das gehe aufs Haus. Ich fange an, diese Stadt wirklich zu mögen.

Anschließend treffe ich mich mit meinen Freunden. Sie sind beide auch Freiwillige bei world horizon, weshalb ich sie zu einem der Seniorenheime begleite, in denen ihre Organisation tätig ist. Heute steht malen und Serviettentechnik auf dem Programm. Auch wenn ich eigentlich nicht so der Künstler bin, habe ich doch sehr viel Spaß. Zum Abschluss gehen wir noch shoppen und schon ist der zweite Tag vorbei.

Freitag schaffe ich es dann auch etwas früher aufzustehen. Ich gehe in ein Cafe in der Nähe, um zu frühstücken, dann fahre ich zum Hafen. Der ist sehr dekorativ, aber schon nach ein paar Minuten sehr kalt. Und auch sehr windig, was mir bewusst wird, als mir eine Kontaklinse aus dem Auge fällt. Ich bin also dabei, sie wieder reinzusetzen, als eine Frau im Vorbeigehen ruft „Oh, be careful that you don’t loose it, you’ll never find that again!“. Genau in diesem Moment kommt ein Windstoß und die Linse fällt herunter. Danke auch. Ich mache mich also halbblind auf die Suche und habe tatsächlich Glück. Da sie statt auf den Boden auf die dünne Schneedecke gefallen ist, setze ich sie auch wieder ein. Und nein, ich möchte nicht wissen, wie viele Keime ich mir trotz Neuschnee damit ins Auge eingeschleust habe. Ich hoffe einfach, dass Dreck nicht nur den Magen spült.

Nach diesem Erlebnis habe ich dann genug vom Hafen und fahre nach Cambridge. Mein Besuch dort lässt sich relativ kurz beschreiben. Ich gucke mir Geschäfte an, in denen ich nichts kaufe, dafür esse ich ganz viel. Muss ja auch mal sein. Ansonsten passiert absolut nichts spannendes, weshalb ich schon gegen sieben wieder bei meinen Freunden ankomme. Den Rest des Abends verbringe ich auf dem Sofa herumgammelnd, Tourist sein ist nämlich anstrengender als man denkt. Ich stelle meinen Wecker auf sieben Uhr, da ich um halb neun am Busbahnhof sein muss und gehe dann schlafen.

Der nächste Morgen. Ich wache auf. Ich gucke auf die Uhr. Ich falle fast aus dem Bett. Es ist 7.24 Uhr. Eigentlich wollte ich um 7.30 das Haus verlassen haben. Es sieht so aus, als würde ich das nicht mehr schaffen. Die nächste Stunde besteht dann aus hetzen und warten. Ins Bad hetzen, in die Küche hetzen, zur Bahn hetzen. Auf die Bahn warten, in der Bahn warten. Zur anderen Bahn hetzen. Warten. Hetzen.

Schließlich komme ich dann doch noch pünktlich am Bus an. Er ist sehr bequem. Die nächsten 4 1/2 Stunden vergehen schneller als je eine Busfahrt bevor und ehe ich mich versehe sind wir schon in New York. Hier habe ich 2 Stunden Aufenthalt, bevor ich mit dem Zug weiter nach Wilmington, Delaware fahre, um eine Freundin zu besuchen.

 

Normalerweise, wenn man in New York ist, dann sieht man sich irgendetwas an. Ich nicht. Aber nicht, weil ich nicht möchte, eher, weil es wie verrückt schneit. Außerdem ist es so neblig, dass etwa das Empire State Building nur schemenhaft zu erkennen ist. Also kaufe ich mir einen Kaffee und etwas zu Essen und mache mich auf den Weg zur Penn Station, wo mein Zug fährt. Den Rest des Tages passiert nichts wirklich Berichtenswertes. Ich fahre Zug, treffe die Mutter meiner Freundin, wir fahen zu einem Familiengeburtstag und ich rede ganz viel mit besagter Freundin. Das einzig traurige ist, dass es eine Bar mit Freigetränken gibt und ich nur Cola trinken darf. Menno.

Sonntag fahren wir nach Philadelphia und sehen uns ganz viele geschichtlich signifikante Artefakte und Gebäude an. Hui. Da wären die Liberty Bell, Independence Hall und natürlich die Stufen des Kunstmuseums, die Rocky im gleichnamigen Film immer hochrennt. Ich esse mein erstes Philly Cheesesteak und trinke seit langer Zeit mal wieder Leitungswasser, dessen Chlorgehalt höher ist als der in den meisten Schwimmbädern. Abends fahren wir zurück nach Wilmington und gucken das Leben des Brian.

Mein Rückflug am Montag ist relativ ereignislos. Meine Rückfahrt von Detroit ebenso. Als ich zurück im thumb wieder auf mein Handy gucke, habe ich auch wieder Empfang. Mein Handy fühlt sich anscheinend besser auf dem Land.

Und ich muss sagen, auch wenn ich meinen Trip in die große Stadt genossen habe, fühle ich mich doch hier mehr zuhause.

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